Erfahrungsbericht Woche 6

Hier finden Sie einen Erfahrungsbericht zum anders unterwegs sein

Die coolsten Vögel bleiben am Boden

Eine Woche Zeit zum anders unterwegs sein.

"Die Tipps für diese Woche, täglich einen Weg zu Fuß zu gehen, eine Fahrradtour zu unternehmen, Fahrgemeinschaften zu bilden oder auf Flugreisen zu verzichten wecken in mir den Impuls zu sagen: „Ich mach das alles schon.“ Ich gehe morgens spazieren, bevor ich mich ins Home-Office setze, ich erledige alle alltäglichen Wege mit dem (Lasten-)Fahrrad, ich besitze kein Auto, ich leihe mir ein Auto aus, falls ich doch mal etwas Sperriges transportieren muss und Urlaub ist für mich fast immer mit langen Bahnfahrten verknüpft.

Ich erinnere mich sehr gut an die erstaunten Gesichter, als ich vor ein paar Jahren einen Auslandsaufenthalt plante. Viele meiner Freund*innen fragten mich vor der Abreise: „Wann fliegst du eigentlich nach Norwegen?“ und ich antwortete jedes Mal: „Ich fliege nicht, ich fahre.“ Das habe ich dann auch gemacht – in 28 Stunden mit Zug, Fähre und Bus von Süddeutschland nach Norwegen. 28 Stunden Zeit, um zu Lesen und Podcasts zu hören, um aus dem Fenster zu gucken, Tee zu trinken und mit anderen Reisenden ins Gespräch zu kommen. Zeit, die Veränderungen in der Landschaft zu beobachten. Zeit, zu sehen, wie sich das Wetter ändert und Zeit, ein Nickerchen zu machen. Keine Frage, langes Zugfahren kann auch unbequem werden – ich wünschte, es gäbe ein besseres Nachtzugangebot in Europa! Schlafend von Berlin nach Barcelona und von Stuttgart nach Stockholm – das wär‘ ein Traum. Denn Fliegen heißt, dass einige Wenige auf Kosten anderer abheben. Selbst die Pinguine in der schmelzenden Antarktis wissen doch: die coolsten Vögel bleiben am Boden.

Deshalb bin ich auch Fan von Stay Grounded. [FB: @staygroundednet/ INSTA: @staygroundednet] Denn ganz ehrlich: wenn ich allein meine individuelles Reiseverhalten ändere, dann hat das keinen großen Effekt. Klimaschädliche Verkehrsinfrastrukturen müssen ab- und umgebaut werden, damit alle klimagerecht mobil sein können. Das Netzwerk Stay Grounded arbeitet daran und hat im Februar gemeinsam mit der britischen Gewerkschaft PCS ein Diskussionspapier veröffentlicht. Das Papier soll eine Diskussion darüber anregen, wie sich Flugverkehr und Tourismus verändern könnten, die durch Corona fast vollständig zum Erliegen gekommen sind. Darin finden sich beispielsweise Antworten auf die Frage, warum der Flugverkehr weiterhin niedrig bleiben muss. Und auch Visionen für eine andere Form der Mobilität und des Reisens in Zukunft. Außerdem werden einige Vorzeigebeispiele für einen geplanten und gerechten Strukturwandel vorgestellt. Beispielsweise das Tempelhofer Feld in Berlin, das inzwischen nicht mehr als Start- und Landebahn für Flugzeuge genutzt wird, sondern als Freizeitpark, für Gemeinschaftsgärten oder als Lebensraum für Vögel und Insekten.

Apropos am Boden bleiben: anders unterwegs sein kann auch die Widerentdeckung der Langsamkeit bedeuten. Letztes Jahr konnte ich in der Atelierkiche in Stuttgart [FB: atelierkirche] den Künstler Daniel Beerstecher [FB: @Daniel Beerstecher] kennenlernen und seinen Slow Walk ausprobieren. 2019 ist Daniel Beerstecher einen Marathon der Entschleunigung gelaufen: 42 km mit einer Langsamkeit von 100 m pro Stunde, das sind 0,1 km/h. Hier könnt ihr euch einen Beitrag des SWR über seine Kunstperformance anschauen. Probiert‘ den Slow Walk doch auch mal selbst aus und seid für ein paar Minuten anders unterwegs, als ihr sonst in eurem Alltag unterwegs seid."

Text: Julia, Bildungsreferentin für Klimaschutz und Nachhaltigkeit in Geislingen/Steige